Malor- Leipzig

Sich des eigenen Könnens bewusst sein heißt kreativ sein


Wer kann in den Malort kommen?

Jedes Kind ab 4 Jahren, jedes Schulkind, jeder junge Mensch, jeder Erwachsene und jede/r SeniorIn, Menschen mit und ohne Handicap. Das Malspiel findet immer in altersgemischten  Gruppen von 6 bis 10 Personen statt. Egal, ob AnfängerIn, ob mit oder ohne Malerfahrungen, mit oder ohne besonderem Talent. Gerade denjenigen, denen die Lust am Malen durch den Malunterricht in der Schule vergangen ist, die sich für unbegabt halten oder sich bislang nicht getraut haben, kann der Malort eine wunderbare Erfahrung bieten. Die Informationsflut, der SchülerInnen täglich begegnen, hat in den letzten Jahren spürbar zugenommen. Viele kommen weder in der Schule noch in ihrer Freizeit dazu, über sich selbst nachzudenken. Der Anpassungsdruck wird häufig als überwältigend erlebt und lässt die Findung sowie den Ausdruck der eigenen Potenziale kaum zu. Selten ergeben sich Zeit und Muße, um etwas aus sich selbst heraus zu gestalten, ganz unabhängig von Lehrern, Eltern, FreundInnen und den damit verbundenen Ansprüchen. Im Malort, während des Malspiels, können junge Menschen genau davon Urlaub machen.

Für ältere Menschen kann das befriedigende Erleben der eigenen kreativen Kraft inmitten einer bunt gemischten Gruppe einen ganz neuen und bereichernden Aspekt in das alltägliche Leben bringen.

Der Einstieg in eine Malort-Gruppe ist jederzeit möglich.


Was passiert im Malort?

Anders als in klassischen Malschulen oder - ateliers wird im Malort kein meisterliches Wissen vermittelt. Vielmehr geht es um den Bereich, der parallel zur Kunst verläuft und den Arno Stern als Formulation bezeichnet. In ihr spiegelt sich der natürliche bildnerische Entwicklungsprozess, der von jedem Menschen durchlaufen wird. Im Malspiel wird eine dynamische Kraft sichtbar, die das unverwechselbare Selbst auf seinem Weg zur Selbstverwirklichung steuert. Im jeweiligen individuellen Rhythmus kann jedes Malort-Kind seine Gebilde und
Geschöpfe, seine Formen und Strukturen auf das Papier bringen und einzelne Aspekte so lange wiederholen, bis es sie vollkommen und genussvoll ausgekostet hat. Die Wiederholung ist eine Besonderheit der Formulation, die der Beständigkeit des menschlichen Ausdrucksbedüfnisses entspricht. Damit dieser Prozess in Gang kommen und sich entfalten kann, biete ich meine Kurse mit einer Mindestdauer von 3 Monaten an. Diese Möglichkeit besteht nur noch bis Juni 2017, nach den Sommerferien biete ich das Malspiel für ein Semester (24 Wochen) oder ein Jahr (48 Wochen) an. Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine längere Verbindlichkeit für den individuellen Prozess notwendig ist. In der Regel brauchen kleine wie große Teilnehmende mehr als 12 Malspiele, um zu ihrem eigenen Ausdruck zu kommen, der befreit ist vom inneren Kritiker, den eigenen Erwartungen, von vorgefertigten Konzepten und dem Wunsch, etwas zeigen, etwas herstellen zu wollen.
Arno Stern bezeichnet alle am Malort Teilnehmenden als Kinder, weil sie einer ernsthaften und überaus bedeutsamen Tätigkeit nachgehen: dem Malspiel. Das reine, unschuldige Erleben der eigenen Weltgestaltungskraft unterscheidet sich ganz wesentlich vom so verbreiteten Vor-Spielen, das in erster Linie nach außen gerichtet ist und auf Anerkennung abzielt. Ein Malort-Kind ist nicht länger auf Anweisungen, Urteile oder Lob angewiesen; es erlebt eine Entwicklung vom Fremden zum Eigenen. Eine Entwicklung, die Zeit braucht.
Getragen durch die Gruppe und von der bejahenden Präsenz der dienenden Person, finden die Malenden Zugang zu ihrer sonst meist brachliegenden inneren Bilderwelt. Diese auf das Papier fließen zu lassen, wirkt deshalb oft befreiend und bringt neue Energie und neue Gedanken. Ein ungeahnter innerer Reichtum wird entdeckt, eine unerschöpfliche Quelle, die immer wieder lustvoll Ausdruck finden möchte.
Natürlich können auch Bilder in persönlichen Krisenzeiten und Phasen des Umbruchs entstehen. Da das Malen unsere Gedanken, Probleme, Gefühle und Vorstellungen auf eine andere Ebene bringt, kann so ein Impuls der Erholung, Befriedung oder Neubetrachtung aufkommen. Die Malort-Begleitung bleibt in solchen Situationen neutral.
Während einer Malort-Einheit können ein oder mehrere Bilder entstehen. Die Möglichkeit, an einem Bild mehrere Wochen und länger  zu arbeiten, bietet eine ganz besondere Erfahrung.
Fähigkeiten, Techniken, Perspektiven etc. entwickeln sich über den regelmäßigen Prozess von selbst. Durch die vollkommene Abwesenheit einer Vermittlung verschiedenster Techniken, die sonst so gern in Malkursen angeboten wird, können die in das Malspiel Vertieften inhaltlich weit über diese hinausgehen und so zum Wesentlichen vordringen.
Der Malort bietet darüber hinaus Kontinuität und Verbindlichkeit, in der die individuelle gestalterische Erlebnisfähigkeit entwickelt und erfahren werden kann.


Was bringt mir der regelmäßige Malort-Besuch?

Die regelmäßige Übung, das kreative Tun im Malort, fördert die Enwicklung der Feinmotorik und der Konzentration. Durch das Malen in einer heterogenen Gruppe wird darüber hinaus die Eigenständigkeit, das Selbstvertrauen, das Abgrenzungsvermögen und die soziale Kompetenz gestärkt. Die dort erfahrene Entspannung und die daraus resultierende Selbstzufriedenheit wirken oft in den Schul - Arbeits - und privaten Alltag hinein.
Der eigenen Spontanietät, den individuellen Impulsen kann (wieder) Vertrauen geschenkt werden. Als konstruktive und bereichernde Aspekte unseres Lebens verlieren sie ihre negative Bedeutung und können unsere Entscheidungen durch diese Perspektivenerweiterung auf breitere Füße stellen. Der Angst vor Unvorhergesehenem kann mit größerer Gelassenheit begegnet werden. Unser meist von rational-linearem Denken bestimmter Alltag wird durch die Möglichkeit, unserem spontanen Ausdruck Raum zu geben, bereichert.
Das regelmäßige Malspiel nährt unser inneres Gleichgewicht und schenkt uns die wunderbare Erfahrung bedingungsloser Akzeptanz. Es verwandelt unsere innere Überzeugung von einem "ich kann nicht" in ein "ich kann!"
Schlussendlich finden, entwickeln und pflegen wir durch das regelmäßige Malspiel unser authentisches Selbst, jenen Teil unserer Persönlichkeit, der unsere ganz individuelle innere Wahrheit beherbergt. Die meisten von uns haben es perfekt gelernt, anderen nach dem Mund zu reden und eigene Impulse, Gefühle, Bedürfnisse zu unterdrücken. Es fällt vielen schwer, zu ihren Gedanken, ihrer inneren Wahrheit zu stehen, wenn sie Mißbilligung spüren und/oder von der gängigen Meinung abweichen. Die Entwicklung des authentischen Selbst ist an unser kreatives Äußerungsvermögen geknüpft. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns Orte und Zeiten der Ruhe und Selbst-Besinnung schaffen und zugestehen. Orte, an denen wir unserem kreativen Geist so etwas wie Auslauf gestatten.

 

Artikel in der 3Viertel, September 2014, Ausgabe XLVIII